Blog-Serie “Gesundheitsreform 2030” – Folge 5/12
Veröffentlicht am 31. Dezember 2025
Das Grundproblem: Demografie trifft Beitragssystem
Das deutsche Gesundheitswesen leidet nicht nur an steigenden Kosten, sondern an einem Konstruktionsfehler in der Finanzierung. Die Ausgaben steigen stark mit dem Alter, während die Einnahmen vor allem von der Zahl und dem Einkommen der Erwerbstätigen abhängen. Wenn immer mehr Menschen Leistungen beziehen und relativ weniger Menschen einzahlen, gerät ein rein beitragsfinanziertes System zwangsläufig unter Druck.
Studien gehen davon aus, dass ohne grundlegende Reformen die Sozialabgabenquote und insbesondere die Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge bis Mitte der 2030er Jahre deutlich steigen müssten, um das aktuelle Leistungsniveau zu halten.
Warum „mehr Beitrag“ das Problem nicht löst
Die naheliegende Antwort, steigende Kosten einfach durch höhere Beitragssätze zu finanzieren, hat klare Grenzen. Mit jeder Beitragserhöhung werden Arbeit und Beschäftigung teurer, was wiederum Wachstum und Beschäftigung dämpfen kann. Gleichzeitig steigen die Belastungen für jüngere Generationen überproportional, da sie gleichzeitig Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung tragen.
Langfristige Modellrechnungen zeigen, dass die Gesamtbelastung durch Sozialbeiträge ohne Reform bis zur Mitte des Jahrhunderts in Bereiche steigen könnte, die wirtschaftlich und gesellschaftlich kaum noch tragbar sind.
Was andere Länder anders machen
Ein Blick in andere europäische Systeme zeigt verschiedene Strategien zur Entkopplung der Gesundheitsfinanzierung von reinen Lohnbeiträgen. In den Niederlanden werden Gesundheitsausgaben sowohl über einkommensunabhängige Prämien als auch über einkommensabhängige Beiträge und Steuermittel finanziert. In Dänemark wiederum basiert die Finanzierung überwiegend auf Steuern, wodurch Gesundheitskosten breiter auf verschiedene Einkommensarten verteilt werden.
Diese Modelle haben gemeinsam, dass sie die demografische Belastung auf mehr Schultern verteilen und die Finanzierung weniger einseitig an die Lohnsummen koppeln.
Der Demografiefonds als zentrales Element
Ein möglicher Baustein für ein zukunftsfähiges deutsches Modell ist ein Demografiefonds, der einen definierten Teil der Gesundheitsausgaben übernimmt, der direkt auf Alterungsprozesse zurückzuführen ist. Dieser Fonds könnte aus Steuermitteln gespeist werden, die breiter ansetzen als reine Lohnabgaben, etwa durch Verbrauchssteuern, Umweltabgaben oder Abgaben auf ungebundene Kapitalerträge.
Die Idee: Die einkommensabhängigen Beiträge finanzieren einen „Grundbedarf“ mit relativ stabiler Kostenentwicklung, während der Demografiefonds die Mehrkosten durch Alterung und medizinischen Fortschritt auffängt.
Regionale Budgets und Capitation als Ergänzung
Neben der Unterscheidung von Grundfinanzierung und Demografiefonds spielt auch die Verteilung der Mittel eine entscheidende Rolle. Regionale Gesundheitsbudgets, die sich an der Bevölkerungsstruktur und Morbidität orientieren, könnten Mittel dort konzentrieren, wo sie gebraucht werden.
Capitation-Ansätze, bei denen pro Versichertem ein risikoadjustierter Pauschalbetrag in ein regionales oder integriertes Versorgungsbudget fließt, setzen statt auf Fallzahlen auf Versorgungsverantwortung. So wird nicht die Menge der erbrachten Leistungen belohnt, sondern eine effiziente, qualitätsgesicherte und möglichst präventive Versorgung in einer Region.
Was das für ambulant und stationär bedeutet
Wenn ambulante und stationäre Leistungen künftig aus gemeinsamen oder eng abgestimmten Budgets finanziert werden, entstehen Anreize zur echten sektorenübergreifenden Versorgung. Krankenhäuser könnten mehr ambulante Leistungen übernehmen, während Praxen stärker in koordinierte Versorgungsnetzwerke eingebunden werden.
Eine solche Logik erleichtert auch die gezielte Finanzierung von ärztlichen Leistungen und Gehältern, etwa durch verbindliche Budgetanteile für ärztliche Vergütung, die jährlich an Kosten- und Tarifentwicklungen angepasst werden.
Eckpunkte eines zukunftsfähigen Modells
Aus den verschiedenen Ansätzen lassen sich einige zentrale Prinzipien für ein belastbares Finanzierungsmodell ableiten:
• Kombination aus beitrags- und steuerfinanzierter Gesundheitsversorgung, um die demografische Belastung zu streuen
• Einrichtung eines klar abgegrenzten Demografiefonds, der Mehrkosten aus Alterung und Fortschritt planbar macht
• Regionale, risikoadjustierte Budgets und Capitation-Elemente, um Qualität statt Menge zu honorieren
• Klare, transparente Mechanismen zur Anpassung der ärztlichen Vergütung an Kosten- und Tarifentwicklungen
Solch ein Modell würde die finanzielle Stabilität erhöhen, die Generationenfairness verbessern und gleichzeitig Raum für strukturelle Reformen in Krankenhäusern und Praxen schaffen.
Ausblick: In den nächsten Beiträgen werden konkrete Szenarien und Zahlenbeispiele vorgestellt, wie ein Hybridmodell aus Beiträgen, Steuern, Demografiefonds und regionalen Budgets in Deutschland aussehen könnte – und was das ganz praktisch für Patientinnen, Ärzte und Kliniken bedeutet.